Gastrede bei der NÖ Kulturpreisgala 2019 in St. Pölten am 08. November

Sehr geehrte Damen und Herren,

dass ich Ihnen heute zum Thema „Die Aufgabe von Kunst und Kultur in Zeiten von gesellschaftlicher Veränderung“ sprechen darf, freut mich.

Freut mich sogar sehr, denn es gab Zeiten in denen in Österreich offene, ehrliche und kritische Worte verboten waren, bestraft wurden und sogar den Kopf kosten konnten. Wenn wir nach Deutschland schauen, können wir hören, dass ein Herr Gauland, von der AfD, der bei einer Pressekonferenz am 28. Oktober auf Björn Höcke angesprochen wurde, sagte: „Sie wissen, dass bei uns die Meinungsfreiheit bei manchen Dingen für mich zu weit geht…“

Ich bin froh, in einem Land leben und arbeiten zu können, dass die Freiheit des gesprochenen und geschriebenen Wortes hochhält, und diese Freiheit in der Verfassung auch garantiert.

Das alles ist nicht selbstverständlich. Das alles ist uns nicht in den Schoß gefallen. Dafür haben viele Menschen gekämpft, Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung, darunter sicher auch einige Dichterinnen und Dichter, Malerinnen und Maler, Schauspielerinnen und Schauspieler, Musikerinnen und Musiker sowie Bildhauerinnen und Bildhauer.

Friedrich Schiller legt in seinem Gedicht „Die Künstler“ den Kulturarbeitern eine große Verantwortung auf die Schultern:
„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!“
Große Worte, passen die noch in unsere Zeit?
Wenn man mit offenen Augen durch unsere Zeit geht, fällt auf, dass die Verbindung zwischen den Zeiten, die Tür, zwischen dem Heute, dem Morgen und dem Gestern nicht gut geölt ist. Sie knarrt und quietscht, geht nicht mehr ganz auf. Jugendliche wissen wenig von den Alten, die Alten kümmern sich nicht um die Probleme der Jungen und die Jungen wissen nicht, was sie in den nächsten Jahren noch alles erwartet.

Als ich vor rund acht Jahren die medizinischen Experimente eines Dr. Heinrich Gross auf die Bühne bringen wollte und bei den Recherchen auf sein Opfer Friedrich Zawrel traf, wurde ich auch getroffen, getroffen von der Erkenntnis, wenig bis nichts von dieser Zeit zu wissen. Jahreszahlen, ja die lernten wir, aber was wirklich in Österreich von 1938 bis 1945 abging, das erfuhren wir in der Schule nicht.
Wir erfuhren nicht, dass sehr viele Österreicher in führenden Positionen im Nazi- Regime an der planmäßigen Ermordung von Juden und Regimegegnern beteiligt waren, und dann in der 2.Republik wieder an Schalthebeln der Macht saßen. Wir erfuhren aber auch nicht, dass es in Österreich organisierten Widerstand gegen Hitler gab.

Ich saß einem alten Mann gegenüber, der mich anlächelte und mich anhielt, ihn doch zu fragen. Meine Hemmung, ihn über die Zeit zu interviewen, die für ihn so schrecklich war, schwand. Und er begann zu erzählen.
Er erzählte über das schwere Leben seiner Mutter, die mit wenig Geld den großen Hunger ihrer Kinder zu stillen versuchte. Über die Delogierung, die die Familie zerriss, von der Kinderübernahmestelle, von den Kinderheimen. Und von der Gewalt, die dem Elektriker Herrn Schwarz angetan wurde, weil er Jude war.

Es ist Friedrich Zawrel gelungen, mithilfe des wunderbaren Werner Vogt, den in der österreichischen Justiz bestens verankerten und vielbeschäftigten Gerichtsgutachter Dr. Heinrich Gross als Kindermörder zu entlarven.

Er kämpfte um die offizielle Bestattung aller „Präparate“, die Dr. Heinrich Gross von seinen Opfern angefertigt hatte. Nach 60 Jahren wurde das was von den Opfern übriggeblieben war, 2002 am Wiener Zentralfriedhof bestattet.
Friedrich Zawrel erzählte die Geschichte seines Lebens vielen Schülerinnen und Schülern direkt, ohne Vorwurf, ohne Besserwisserei, gebannt hörten sie ihm zu.
Er wollte den Jugendlichen nur zeigen, dass es anders auch geht. Dass jeder Mensch respektvoll zu behandeln sei. Und dass man wachsam bleiben müsse, gegen Hass, Neid und Gleichgültigkeit.

„Es ist geschehen
Und geschieht nach wie vor
Und wird weiter geschehen,
Wenn nichts dagegen geschieht“ sagt Erich Fried in seinem Gedicht „Was geschieht“

Mit Angst erfahre ich, dass menschenverachtendes, rassistisches und geschmackloses Liedgut, gesammelt in Liederbüchern von deutschnationalen Burschenschaften und auch von katholischen Kartellverbänden, heute noch in Kellern, und auf den Buden in der Steiermark, in Wien und Niederösterreich bierselig gegrölt wird und dass das keine – oder kaum Konsequenzen nach sich zieht. Wird man das vielleicht morgen schon wieder auf den Straßen hören?

„Und es wird weiter geschehen, wenn nichts dagegen geschieht“

Im Oktober des heurigen Jahres veröffentlichte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ein Urteil gegen die Republik Österreich, weil die österreichische Justiz den guten Ruf eines ehemaligen Häftlings des KZ Mauthausen nicht schützen konnte oder wollte.

„In dem Text hatte Fred Duswald in dem rechtsextremen Monatsmagazin „Die Aula“ die im Jahr 1945 befreiten Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen als „Landplage“ und „Massenmörder“ bezeichnet, die plündernd durchs Land gezogen seien“, so der Standard vom 10.Oktober 2019. Weiter im Standard: „Der Fall sorgte bereits im Dezember 2015 für Empörung, weil die Staatsanwaltschaft Graz das strafrechtliche Verfahren gegen den Autor eingestellt hatte. Die zuständige Staatsanwältin begründete das damit, dass es „nachvollziehbar“ sei, dass die 1945 befreiten Häftlinge aus dem KZ Mauthausen eine „Belästigung“ für die Bevölkerung darstellten.

In der Februar-Ausgabe 2016 der „Aula“ berichtete derselbe Autor über die Einstellung des Strafverfahrens und wiederholte seine Diffamierungen aus dem Jahre 2015 wortwörtlich. Daraufhin brachte der heute 96-jährige Holocaust- Überlebende Aba Lewit gemeinsam mit neun anderen Überlebenden, die alle in Konzentrationslagern inhaftiert gewesen waren, wegen dieses Artikels einen Antrag nach Mediengesetz gegen die „Aula“ und ihren Autor ein. Dem rechtsextremen Blatt wurden üble Nachrede und Beleidigung vorgeworfen.

Im medienrechtlichen Verfahren entschied das Oberlandesgericht Graz jedoch wieder gegen die Interessen der überlebenden KZ- Häftlinge. Lewit zog dagegen als alleiniger Beschwerdeführer mit Unterstützung der Grünen vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.“
Nun ist das Urteil da, Österreich ist verurteilt und muss Strafe und Verfahrenskosten bezahlen.
Wem ist daran gelegen die Opfer von damals noch immer zu verleumden und schlecht zu reden? Wer hat Angst vor der Wahrheit und vor der Verantwortung, die man für das Geschehene übernehmen müsste?

Für viele sind Flüchtlinge und Immigranten Feindbilder. Die Angst vor dem „großen Bevölkerungsaustausch“ wird geschürt. Keiner kommt auf die Idee zu erklären, warum die Menschen bereit sind alles, sogar ihr Leben zu riskieren, um ins sichere Europa zu kommen.

Da gibt es Landesräte, die den Traum eines mit Stacheldraht umzäunten, von Hunden bewachten und mit Kameras beobachteten Lagers träumen, um darin minderjährige Flüchtlinge festzuhalten. Nach zahlreichen Protesten wurde das Heim in Drasenhofen endlich geschlossen.

600.000 Euro Steuergeld bekommt nun Landesrat Gottfried Waldhäusl weiterhin für „Securitys“ um Flüchtlingsquartiere nächtens zu bewachen.
In einer Anfragebeantwortung im April des heurigen Jahres an den NÖ Landtag erklärt Landesrat Waldhäusl: „Der gegenständlichen Maßnahme liegen keine polizeistatistischen Daten, sondern vielmehr sicherheitspräventive Überlegungen zugrunde. Betroffen werden von dieser Maßnahme Quartiere sein, in denen sonderbetreuungsbedürftige Personen untergebracht werden.“

Die Macht der Sprache! Was ist „Sonderbetreuungsbedürftig“?
Wer garantiert, dass aus einer Sonderbetreuung keine SONDERBEHANDLUNG wird!

„Produziert Sprache Bewusstsein, oder Bewusstsein Sprache?“ fragte sich der Autor Werner Schwab.

Ein unbedachtes Wort vom US-Rückzug des amerikanischen Präsidenten löst im syrisch – türkischen Grenzgebiet eine Kettenreaktion aus, die wieder hunderttausende Menschen in Bewegung setzt. Die US Soldaten schützen nun auf Geheiß ihres Präsidenten Ölquellen. Dieser Präsident, der nur sein Land wieder groß machen will, hat viele Bewunderer.
Auch bei uns in Österreich.

Was kann aber nun die Kunst bewirken? Viel.

1961 hielten Carl Merz und Helmut Qualtinger mit ihrem Stück „Der Herr Karl“ den Österreichern einen kristallklaren Spiegel vor das Gesicht. Keiner wollte sich darin anschauen. Morddrohungen an die Autoren war die Antwort.

1977 strahlte der ORF die „Staatsoperette“ von Franz Novotny und Otto M. Zykan aus. In dieser „Operette“ wurden die tragischen Entwicklungen in der Ersten Republik thematisiert. Ein Aufschrei ging durch das Land. Die lang schwärende Eiterbeule des „Nichtdarüberredenwollens“ drohte aufzubrechen.

Man fragte sich im Club 2 ob die Autoren einen Kirchenkampf wollen.
1988, vor genau 31 Jahren und 4 Tagen, fand im Burgtheater die Uraufführung eines Theaterstückes von Thomas Bernhard statt: „Heldenplatz“. Vor der Uraufführung machten die Medien bereits Druck auf den damaligen Burgtheaterdirektor Claus Peymann.
Die Kleine Zeitung Graz, zum 30. Jahr Jubiläum der „Heldenplatz“ Premiere am Burgtheater:
„Die Politik spielte mit, anstatt zu beruhigen: Der damaligen Vizekanzler Alois Mock (ÖVP) wünschte sich, „dass die Verantwortlichen nicht versagen“ und war zwar nicht für ein Aufführungsverbot, sah allerdings nicht ein, weshalb „eine globale Beschimpfung Österreichs auch noch mit Steuergeldern finanziert wird“.
Ex-Kanzler Bruno Kreisky („Das darf man sich nicht gefallen lassen!“) meldete sich ebenso zu Wort wie Bundespräsident Kurt Waldheim („Eine grobe Beleidigung des österreichischen Volkes“). Der damalige FPÖ-Bundesparteiobmann Jörg Haider missbrauchte ein Zitat Karl Kraus‘: „Hinaus mit diesem Schuft aus Wien.“ Niederösterreichs Landeshauptmann Siegfried Ludwig (ÖVP) sprach sich für ein Verbot der Aufführung aus, die Vereinten Grünen Österreichs forderten die Absetzung von Peymann als Direktor. Unterrichtsministerin Hilde Hawlicek (SPÖ) hielt dagegen und erklärte, was am Burgtheater aufgeführt werde, sei „Sache des Direktors“, und es werde „keine Zensur“ geben.“

Das Stück wurde trotz Störversuchen, auch Ex-Vizekanzler H.C. Strache protestierte damals lautstark von den Rängen, zu Ende gespielt, heftig bejubelt und wurde zu einem Erfolgsstück, das über 120mal aufgeführt wurde.

Elfriede Jelinek, die für ihre engagierte Wortkunst 2004 den Nobelpreis verliehen bekam, bezog oft zum aktuellen Geschehen in unserem Land Stellung. Sie wurde als „Nestbeschmutzerin“ bezeichnet, sie war und ist aber eine Kassandra, die mahnt. Sie mahnt vor Zeiten, vielleicht wie diesen.
Ihr neues Stück „Schwarzwasser“ nimmt auf das, was auf Ibiza geschehen ist, Bezug.
Kunst bewegt und regt auf. Kunst sensibilisiert und fordert heraus. Kunst provoziert Menschen, um in ihnen Gefühle und Gedanken zu produzieren. Kunst bringt Menschen weiter, im Denken, Fühlen und Handeln.

Doch die Kunst darf sich nicht nur im sicheren Rahmen der Hochkultur bewegen, sie muss auch hinaus zu den Menschen gehen und für Humanismus, Menschenrechte und vor allem Menschenwürde kämpfen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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