Trotz alledem: keine Verbitterung

Friedrich Zawrel, Spiegelgrund-Überlebender, als Theaterfigur

Vor einem halben Jahr kam es zu einem folgenreichen Aufeinandertreffen in einem Meidlinger Pflegeheim. Der 24-jährige Nikolaus Habjan machte dem 83-jährigen Friedrich Zawrel einen Vorschlag, der Letzterem zunächst nicht ganz geheuer war: «Was? Ein Puppentheater über mein Leben?»

Barbara Huemer 06.04.2012

Wir wissen, worum es geht: um das Leben von Friedrich Zawrel, um dessen misshandeltes Leben, ein Leben, das in die tödlichen Mühlen der nationalsozialistischen Psychiatrie geraten war und das sich auf Grund medizinischer Gutachten aus dieser Zeit nicht mehr davon befreien konnte. Auch nicht Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges. Der Befund «erbbiologisch und sozial minderwertig» bestimmte auch nach seiner geglückten Flucht vor der Tötung aus der Anstalt am Steinhof – «Am Spiegelgrund» hieß sie damals – sein Leben bis 1981. Dieses Gutachten war u. a. direkte Folge für Zawrels Aufenthalte in geschlossenen Anstalten, 13 Jahre lang. Und diesem Leben gegenüber steht das andere Leben, das Leben eines überzeugten Nationalsozialisten mit einer glanzvollen Karriere als Psychiater am Steinhof, als viel beschäftigter Gerichtsgutachter, renommierter Hirnforscher, dem 1975 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse verliehen wurde und dem es gelang – mit Hilfe eines gut funktionierenden Netzwerkes in politischen und wissenschaftlichen Kreisen – nie für seine mörderische Vergangenheit verurteilt zu werden: Heinrich Gross.

Er starb 2005, war nicht zur Rechenschaft zu ziehen wegen angeblicher Demenz. Heinrich Gross und Friedrich Zawrel begegneten einander schicksalhaft mehrmals in ihrem Leben. Es geht also um zwei Leben, deren Verlauf nicht widersprüchlicher, nicht unterschiedlicher sein könnte.
An die Darstellung dieser beiden Biografien auf den Brettern eines kleinen Hinterhoftheaters wagt sich ein junges, engagiertes Team. Nein, es geht um viel mehr als um ein Wagnis. Ein moralisches Anliegen treibt die Gruppe an und motiviert sie, die Begegnungen zwischen diesen beiden Menschen in ihrer schrecklichen Verstricktheit uns noch einmal vor Augen zu führen.

Nikolaus Habjan, der Leiter dieses Projekts, ist heute 24 Jahre jung. Er hörte, als er dreizehn war, zum ersten Mal in der Schule von den Prozessen, die in den späten 70er und frühen 80er Jahren um Heinrich Gross stattfanden, wegen dessen Tätigkeit während des Krieges in der psychiatrischen Anstalt für Kinder «Am Spiegelgrund». Ab da ließ ihn das Thema, wie weit die Medizin in ihren wissenschaftlichen Forschungen gehen darf, nicht mehr los.

Nikolaus Habjan ist Puppenspieler, lernte in einem Workshop 2003 bei einem australischen Lehrer das künstlerische Handwerk, Puppen zu «bauen». Er schreibt Texte für sein Figurentheater auf kleinstem Raum. Jetzt steht die 7. Produktion bevor. Im «Schubert Theater» auf der Währinger Straße 46. Es ist tatsächlich ein Hinterhoftheater, ehemals Kino, in den 70er Jahren eines der meist besuchten Pornokinos von Wien. Hier trat auch Cissy Kraner als junge Soubrette auf.

zurück