Interview auf: http://blog.schauspielhaus-graz.com

Mit Puppen in die Oper

Er steigt gerne in Züge, ohne dass er das Ziel kennt, hat aus ehemaligen Lehrern Paten für seine Puppen gemacht und wollte schon im Kindergarten Opernregisseur werden. Puppenspieler und Co-Direktor am Schubert Theater Nikolaus Habjan kommt am 4. Mai nochmals mit „F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig“ ans Schauspielhaus und wird in der neuen Spielzeit „Das Missverständnis“ auf der Probebühne inszenieren. Im Interview erzählt er viel Persönliches – allem voran von seinen beiden Leidenschaften: den Puppen und der Oper.

Kindheit: Kasperl oder Krokodil?
Nikolaus Habjan: „Der Kasperl hat mich eigentlich nie interessiert. Aber meine Mutter hatte Videokassetten mit den Bremer Stadtmusikanten und dem Tapferen Schneiderlein als Puppenspiel, die haben mich schon fasziniert. Wenn ich mich aber entscheiden müsste, dann wäre es definitiv das Krokodil. Ich war immer eher auf der bösen Seite.“

Gab’s dann im Kindergarten schon erste Aufführungen?
„Nein, ich wollte im Kindergarten schon immer Opernregisseur werden! Irgendwann hat meine Kindergartenpädagogin zu meiner Mutter gesagt: ‚Sie müssen mit Ihrem Sohn unbedingt in die Oper! Sie können ja in der Pause gehen, wenn es zu lang wird.‘ Also war ich als Vierjähriger zum ersten Mal in der Grazer Oper und habe mir mit meiner Mutter „Die Zauberflöte“ angeschaut. Und wir sind NICHT in der Pause gegangen.“

Graz: Heimatstadt oder Provinznest?
„Irgendwie beides. Ich mochte Graz immer, allerdings muss ich ehrlich sagen, dass meine Form von Puppentheater nie in Graz möglich gewesen wäre. Da gibt es das Sprichwort: ‚Der Prophet im eigenen Land gilt nichts‘ – genauso ist es mit Graz. ‚F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig‘ wurde ja bei ‚BestOFF Styria‘ (Anm.: Theaterfestival der Freien Szene Steiermark) abgelehnt. Das hat mich schon gekränkt. Ich glaube einfach, man muss sich woanders zuerst einen Namen machen.“

Ist das Heimspiel im Schauspielhaus trotzdem etwas Besonderes?
„Definitiv! Gerade mit ‚Zawrel‘, an das so viele nicht geglaubt haben so gefeiert zu werden … Das hat mich sehr gerührt!“

Sie sind ja auch Opernregisseur und pfeifen in einem Programm Opernarien. Wenn Sie sich entscheiden müssten: Musik oder Puppen?
„Das ist, als würde man eine Mutter fragen: Welches Kind magst du lieber? Ich finde, das kann man nicht trennen! Ich könnte kein guter Puppenspieler sein, wenn ich nicht musikalisch wäre. Es ist ja ein Traum von mir, Opernregie zu führen mit Puppen, die singen und mit der Musik leben.“

Arbeit: Autobiografisch, frei erfunden oder von Realem inspiriert?
„Autobiografisch war bis jetzt nur ‚Zawrel‘, da habe ich mich selbst auf die Bühne gestellt. Aus meinem Leben habe ich noch nichts verarbeitet. Nur viele meiner ehemaligen Lehrer sind zu Puppen geworden. Ich habe ja den besten Beruf der Welt: Ich kann Leute, die mir Frust bereiten, einfach in Puppen verwandeln.“

Erkennen diese Leute sich dann?
„Eine Lehrerin hat sich mal erkannt, die fand das aber lustig.“

Ist es das, was Ihre Puppen einzigartig macht? Dass sie reale Vorbilder haben?
„Ja, denn jede Fiktion, egal wie grotesk, wird immer von der Realität geschlagen. Ich kann ja mit Mathematik überhaupt nichts anfangen, aber eine Formel finde ich da spannend: Minus mal Minus ergibt Plus. Das gilt auch für die Puppe. Die Bühne ist nicht real, die Puppe ist nicht real, orientiert sich nur daran, aber genau deshalb werden die Puppen in den Köpfen der Zuschauer zu echten Menschen mit denen sie mitleiden.“

Wann „lebt“ eine Puppe?
„In dem Moment, wenn ich mit der Hand hineinschlüpfe, wenn sie vom leblosen Objekt zum Lebewesen wird.“

Was kommt zuerst: Die Rolle oder die Puppe?
„Mir ist beides schon passiert! Wenn ich feste Rollen habe und dazu Puppen entwickle, dann ist das als würde ich ein Zugticket kaufen, wo ich schon weiß, wo die Endstation ist. Wenn ich allerdings die Puppen baue und dann schaue, was passiert, ist es als würde ich in den Zug steigen und keine Ahnung haben, wohin er fährt. Natürlich kann ich in einem absoluten Kaff landen, wo ich nur schnell wieder weg will, aber es kann auch etwas total Spannendes passieren. Das möchte ich in Zukunft gerne wieder machen.“

Zawrel: Distanz oder totales Einlassen auf die „Kinderfachabteilung“ Am Spiegelgrund an der Morde an Kindern stattfanden?
„Das war echt schwierig. Ich habe noch nie mit einem so brutalen Stoff gearbeitet. Vor allem die Interviews mit Friedrich Zawrel, der von seiner Zeit in der ‚Kinderfachabteilung‘ erzählt hat, waren sehr stark. Da bin ich nach drei Stunden Interview einmal nachhause gefahren und habe eine Stunde lang geweint. Es gab keine Minute, in der ich nicht gearbeitet habe. So ein Stoff kommt einem nur einmal im Leben unter und das verändert einen. Mittlerweile gibt es aber auch Szenen, bei denen ich mich total distanzieren muss.“

Wirken die Puppen als Puffer?
„Ja, total. Die sind sowas wie mein Schutzschild. Paradoxerweise brechen sie aber gleichzeitig beim Publikum das Schutzschild. In ‚Zawrel‘ gibt es eine Szene, wo ein Kind geschlagen wird. Einerseits kann ich mir einreden ‚Das ist ja nur eine Puppe‘. Andererseits könnte ich das mit einem Menschen nie machen, weil das Publikum würde denken: ‚Das Kind wird ja in Wirklichkeit nicht geschlagen‘. Bei der Puppe kann ich aber echte Gewalt anwenden; das Publikum nimmt dieses Stoffding als Lebewesen wahr, nimmt sein Leiden wahr und es ist fast so, als würde ein echtes Kind geschlagen werden.“

Stermann-Biografie, Oper, Zawrel – das sind sehr unterschiedliche Stoffe. Warum „Das Missverständnis“?
„Ich versuche durch meine Arbeit zu beweisen, dass Puppentheater weit mehr ist, als „Kasperl“. Camus finde ich ja sowieso großartig und „Das Missverständnis“ habe ich gelesen und mich verliebt. Wir werden das mit SchauspielerInnen und Puppen inszenieren und ich möchte beim Publikum die Frage offen lassen: Spricht der Schauspieler gerade als Person oder als Puppe?“

Gibt es schon Ideen zur Inszenierung?
„Es wird sehr düster werden, sehr heftig. Mutter und Tochter ermorden ja Gäste in ihrem Hotel und rauben sie aus. Unter anderem den eigenen Sohn. Die große Frage ist: Wussten sie wirklich nicht, dass er es ist?“

Zukünftige Stücke: „Faust“, „Alice im Wunderland“ oder etwas ganz anderes?
„Klassiker finde ich wahnsinnig spannend, weil es oft diese zähen Dinge sind, an denen man in der Schule nicht vorbeikommt. Ich habe ehemalige Klassenkameraden die heute noch sagen: ‚Tut mir leid, ich geh‘ nicht ins Theater, weil denk an das entsetzliche English Theatre in der Schule!‘ Das finde ich sehr schade. Deshalb würde ich gerne mal einen Klassiker inszenieren, den die Jugendlichen genießen und bei dem sie mitfiebern können.“

Interview: Sonja Radkohl

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