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double – Das Magazin für Puppen-, Figuren- und Objekttheater
(Was erzählt werden soll. Was erzählt wird Eindrücke vom 11. Figura Theaterfestival in Baden.)

 

Theater als Dokumentation?
von Christian Bollow

Was Nikolaus Habjan und sein Regisseur Simon Meusburger in ihrer fast zweistündigen Inszenierung »F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig« dem Publikum präsentieren, ist ein selten gelungener, hoch interessanter Balanceakt zwischen Theater und Dokumentation.

Grundlage der textorientierten Soloinszenierung ist die aus erster Hand erfahrene Lebensgeschichte des mittlerweile 85-jährigen Friedrich Zawrel, Opfer sowohl national-sozialistischer Medizinexperimente wie auch der österreichischen Nachkriegsjustiz.
Damit entwickelt das Wiener Schubert Theater bereits 2012, ein Jahr vor „Die letzten Zeugen“ vom Burgtheater, ein theatrales Format, in dem ein Überlebender des Dritten Reiches scheinbar ungefiltert durch artifizielle Verschlüsselungsverfahren‚ zur Sprache kommt‘. Anders als Hartmann und Rabinovici setzen sie aber nicht (oder fast nicht) auf seine unmittelbare Anwesenheit. Opfer wie Täter erscheinen als stilisierte Klappmaulfiguren. Die dramaturgische Form ist bewusst gradlinig, sie folgt im Wesentlichen der Logik der erzählten Chronologie. Die Inszenierung vermittelt einen ungemein lebendigen Eindruck eines außergewöhnlichen Menschen unserer Gegenwart, dem es gelungen ist, die traumatischen Opfererfahrungen in einen Triumph der Menschlichkeit zu verwandeln. Der dokumentarische Impetus gipfelt in einer Videoeinspielung Zawrels selbst.

An ihrer moralischen Gewichtung lassen Habjan und Meusburger keinen Zweifel. Die Vertreter der Täterseite werden, was ja möglich wäre, biographisch nicht relativiert, geschweige denn entschuldet . Das ist gewollt und legitim. Und die Vermutung liegt nahe, dass sich die minutenlangen Standing Ovations zum guten Teil an Zawrel selbst richten. Die Inszenierung funktioniert hier wie ein Kommunikationskanal zwischen der historischen und menschlichen Wirklichkeit Zawrels und der Realität eines mehrheitlich ›nachgeborenen‹ Publikums, das sich – applaudierend – in einem ‘Kollektiv des Widerstands’ vereinigt fühlt. Dieser Effekt wäre nicht möglich ohne das hervorragende Spiel Habjans. Vor allem stimmlich setzt der unverkennbar von Neville Tranter inspirierte und geprägte Puppenspieler und Musiktheaterregisseur mit seiner Fähigkeit, virtuos und federleicht den Wesenskern der jeweiligen Akteure zu treffen, Maßstäbe.

„F. Zawrel“ wurde im Entstehungsjahr mit dem Nestroy-Theaterpreis für die beste Off-Produktion ausgezeichnet. Dass die Inszenierung auch den Badener „Grünschnabel“ gewann, ist verdient.

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