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„Faust. Der Tragödie erster Teil“

FAUST

 von Johann Wolfgang von Goethe / Schauspiel mit Puppen

Next Liberty Graz, Premiere 12.02.2016

Inszenierung: Nikolaus Habjan
Bühnenbild: Jakob Brossmann
Kostüme: Denise Heschl 
FaustDaniel Doujenis ( bis 2020 Klaus Huhle)
Mephistopheles: Manuela Linshalm
Margarete: Lisa Rothhardt (bis 2020 Alice Peterhans)
Der Herr/Brandner/Marthe/Chor: Helmut Pucher
Wagner/Hexe/Chor: Christoph Steiner
Erzengel Raphael/Erdgeist/Frosch/Meerkatze/Valentin/Chor: Michael Großschädl
Erzengel Gabriel/Siebel/Meerkatze/Chor/Irrlicht: Martin Niederbrunner

 

Gastspiele im In- und Ausland, darunter in Bozen, Wien, Liechtenstein, Nürnberg/Fürth, Straubing u.a.m.

 

Vorberichte

 

Zusammen mit Klaus Huhle als Faust und der Puppenspielerin Manuela Linshalm als Mephistopheles sowie dem hauseigenen Ensemble wird auf der Bühne allerhand in Gang gebracht. Als Anknüpfungspunkt für ein junges Publikum sieht Habjan in der Geschichte einiges: Faust begreift am Ende seines Lebens seinen Irrweg und überlegt, was er tun würde, wenn er noch einmal jung sein könnte. „Ich denke, Jugendliche stehen vor einer nicht weniger schwierigen Situation: Alles ändert sich, Geist, Interesse, Verhältnisse, Körper. Sie haben ihr Leben noch vor sich und müssen entscheiden, was sie wollen, was wichtig ist, wo es hingeht“, erläuterte Habjan.

(Tiroler Tageszeitung, 10.02.2016)

 

Interview mit Nikolaus Habjan (Materialmappe zu Faust, Next Liberty Graz)

 

Lieber Nikolaus, kannst du dich noch an deine erste Begegnung mit dem Faust – Stoff erinnern?

 

Habjan: Zu Faust kam ich über meinen Großvater, der mir die Geschichte von Dr. Faustus erzählt hat und mir auch Goethes Version näherbrachte. Ich war schon als Kind sehr davon fasziniert, wie es wohl wäre, Mephisto gegenüberzustehen.

 

Was hat dich nun daran interessiert, gerade den Faust als Schauspiel mit Puppen auf die Bühne zu bringen?

 

Die Geschichten um Dr. Johann Faustus sind uralte, seit jeher sehr beliebte Stoffe für das Puppentheater. Es liegt ja eigentlich auch auf der Hand, diesen Stoff mit Puppen zu erzählen, geht es doch darum, zwei einander gegenüberstehende Welten darzustellen, die irdische und die überbzw. unterirdische, und dabei die Konstellation Gott Mensch Teufel auf die Bühne zu bringen.

 

Wie geht man denn an einen solchen Klassiker heran, der definitiv zu den meistrezipierten, meistinterpretierten Dramen im deutschsprachigen Raum zählt?

 

Mir ging es bei dieser Inszenierung vor allem darum, auch ein Theatererlebnis für Jugendliche und Erwachsene zu schaffen, die mit dem Faust bisher noch nichts zu tun hatten, ihn vielleicht sogar zum ersten Mal sehen. Mein Bestreben ist es, zu begeistern und die Lust am Theater zu entfachen und zu fördern. In meiner Schulzeit wurden meine Klassenkollegen und ich ja durch schreckliche Theaterbesuche gequält und so traumatisiert, dass viele meiner ehemaligen Schulfreunde Theater bis heute als unangenehme Erfahrung abgespeichert haben. Gerade Faust ist ein Stoff bzw. einer jener großen Klassiker, der durch schlechte Vorbereitung (u. a. der DeutschlehrerInnen) schnell zu einem spröden und langweiligem Erlebnis werden kann, was dieser Stoff aber absolut nicht ist! Und genau das versuche ich zu zeigen. Mephisto versucht dem abund aufgeklärten Wissenschaftler und Analytiker Faust, der alles hinterfragen muss und deshalb nichts genießen kann, mit allen Mitteln vor Augen zu führen, wie schön Illusion sein kann bzw. was sie alles kann. Und was würde sich dafür besser eignen, als das Theater, mit all seinen klassischen Tricks und Mitteln, mit Kulissen und Prospekten, großen Behauptungen und kleinen Zaubereien?

 

Bei deiner Inszenierung wird ja so ziemlich alles aufgeboten, was Theater bzw. Bühne leisten kann welche Überlegungen, welche Idee liegt dem zugrunde?

 

Mephisto versucht dem ab- und aufgeklärten Wissenschaftler und Analytiker Faust, der alles hinterfragen muss und deshalb nichts genießen kann, mit allen Mitteln vor Augen zu führen, wie schön Illusion sein kann bzw. was sie alles kann.

Um seine Wette zu gewinnen, d. h. Faust sich selbst vergessen zu lassen, setzt der Fädenzieher Mephisto also alle Hebel bzw. die gesamte Bühnenmaschinerie in Bewegung, lässt auf seiner Bühne aus Acryl und Stoff zahlreiche Settings entstehen und aus allen Öffnungen und allen Rängen schräge Gestalten auftauchen, die Fausts Welt beleben, dirigiert und inszeniert Auerbachs Keller und eine Walpurgisnacht, die man so schnell nicht vergessen wird…

 

Was macht dieses Drama und seine Themen und Konflikte für dich zeitlos bzw. gerade für ein junges Publikum heute noch interessant?

Wo sind da die Anknüpfungspunkte bzw. inwiefern spielt diese Zielgruppe da eine Rolle für dich?

Ich finde, es ist nicht allzu schwer, hier Anknüpfungspunkte zu finden: Heinrich Faust steht am Beginn des Stückes vor einem Dilemma: Er hat sein ganzes Leben vergeudet, um sich sämtliches Wissen anzueignen, und jetzt, am Ende seiner Zeit auf Erden, begreift er seinen Irrweg und fragt sich: Was wäre, wenn man doch noch einmal jung sein könnte? Wo geht es hin, wo soll es hin? Ich denke, Jugendliche stehen vor einer nicht weniger schwierigen Situation: Alles ändert sich, Geist, Interessen, Verhältnisse, Körper. Sie haben ihr Leben ja noch vor sich und müssen auch erstmal entscheiden, was sie wollen, was wichtig ist, wo es hingehen soll usw. Und sobald dann das junge Gretchen die Bühne betritt, werden sich hoffentlich noch zahlreiche weitere Anknüpfungspunkte finden…

Bei dieser Produktion sind ja (bis auf deine Kollegin Manuela Linshalm, die den Mephisto verkörpert) vor allem DarstellerInnen dabei, die noch nicht viel Erfahrung im Puppenspiel haben wie kann man sich da die Annäherung bzw. das Proben vorstellen?

Ganz einfach: Wer Lust hat, dem wird eine Puppe in die Hand gedrückt und bei der riesigen Motivation, die mir da jeden Tag auf der Probe entgegenschwappt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ich voller Stolz sagen kann: Passt! Ich glaube der Puppe!

 

 

 

Kritiken

 

 

Der umfangreiche Stoff wird von Puppenspieler Nikolaus Habjan für ein junges Publikum aufbereitet. Mit dieser Version möchte der Regisseur und Schauspieler „die Lust am Theater entfachen und fördern“…. Als Anknüpfungspunkt für ein junges Publikum sieht Habjan in der Geschichte einiges: Faust begreift am Ende seines Lebens seinen Irrweg und überlegt, was er tun würde, wenn er noch einmal jung sein könnte. „Ich denke, Jugendliche stehen vor einer nicht weniger schwierigen Situation: Alles ändert sich, Geist, Interesse, Verhältnisse, Körper. Sie haben ihr Leben noch vor sich und müssen entscheiden, was sie wollen, was wichtig ist, wo es hingeht“, erläuterte Habjan.(Tiroler Tageszeitung, 14.02.2016)

Selten zuvor hat man den Doktor Faust als derart räudigen Hund erlebt. Selten zuvor hat der Klassiker so gut für junges Publikum funktioniert….Humorvolle Anspielungen, rasante Szenenabfolgen, spektakuläre Bilder – der Grazer Puppenspieler, Puppenbauer und Regisseur hat aus Goethes schwerem Klassiker „Faust“ einen über weite Strecken leichten, ja sogar etwas derben Theaterabend gemacht…  Die Grenze zwischen der Welt der Puppen und jener der Schauspieler bleibt an diesem Abend herrlich diffus – das Ensemble des Next Liberty bewegt sich fabelhaft in der Welt des Nikolaus Habjan… Habjan ist ein lustvoller Ritt durch den Klassiker gelungen, mit einem Helden, der so pubertär ist wie das Zielpublikum der Inszenierung. So soll`s sein!(Steirerkrone, Christoph Hartner, 14.02.2016) 

Schon beim Prolog „Prolog im Himmel“ weiß man: Es darf gelacht werden…Gelacht werden darf an Stellen, die wohl auch der ehrwürdige Goethe mit einem Augenzwinkern geschrieben hat, oder dort, wo Menschen in ihrer Fehlerhaftigkeit eben lächerlich sind….Während Frau Marthe köstlich outrierend mit Mephistopheles kokettiert, entsteht daneben eine wirklich innige und unpeinliche Liebesszene zwischen Faust und Gretchen als Gegenstück. Mit durchaus sinnvoller Kürzung des Textes auf rund zwei Stunden gelingt Habjan eine „Faust“-Version, die Theaterneulinge ebenso fesselt wie profunde Faustkenner. Durch kleine Verschiebungen entsteht eine neue spannende Interpretation.(Kleine Zeitung, Eva Schulz, 14.02.2016)

Wenn er seine langen, knöchernen Finger in Richtung Heinrich Faustus ausstreckt, erinnert Mephistopheles an den Blutsauger aus diversen „Nosferatu“-Verfilmungen. Perfektes Puppenspiel aus der Kreativwerkstatt des Grazers Nikolaus Habjan macht den Gehörnten zu einem diabolischen Phantom der Nacht, dem auch Witz und Selbstironie nicht fremd sind…Der „Faust“ auf der Grazer Bühne Next Liberty ist weder verstaubt noch langweilig noch ewig lang….Ein Reiz der Aufführung liegt im Dialog zwischen menschlichen Bühnenfiguren und Puppenwesen, das Lebensdrama erscheint leichtfüßig, beschwingt, ohne substanzlos zu sein.(Salzburger Nachrichten, Martin Behr, 15.02.2016)

 

Stimmig hingegen präsentiert sich die kluge Strichfassung. Als virtuoser Erzähler führt Habjan die Figuren flott durch den „Faust“, und doch schmerzt ihre Eile nicht. Geschickt webt der Regisseur Witz in die Tragödie und entstaubt antiquierte Momente – alles ohne seinem Goethe Gewalt anzutun.

(Falter, Hermann Götz ,24.02.2016)

 

Zwei Engel in Fatsuits, schieben zu Beginn den Vorhang weg. Ihre Flügel wären viel zu klein, um ihre massigen Körper tatsächlich abheben zu lassen. Dafür hebt aber die Inszenierung ab, sofort, ohne Umschweife.

Nikolaus Habjan hat aus Goethes Faust ein klug gekürztes, kurzweiliges und immer wieder auch richtig witziges Stück über Sinnsuchende inszeniert – ohne je in seichte Gewässer abzurutschen. Am Kinder-und Jugendtheater Next Liberty hat man es für Menschen ab 14 angesetzt, es ist aber zweifelsfrei für Erwachsene jedes Alters ein Gewinn.

Szenen werden auch geschickt ineinandergeschoben wie die bezaubernden Kulissen der Bühne auf der Bühne. Sie erinnert an einen alten Kasperlguckkasten, sorgt aber am Ende für kleine Überraschungen. (Standard, Colette M. Schmid, 09.09.2016)

 

 

Nikolaus Habjan hat sich mit seiner Faust-Inszenierung im Grazer Next Liberty selbst übertroffen. Der Besuch kann jeder/jedem, der mit brennender Neugier erfahren möchte, was „die Welt im Innersten zusammenhält“, nur wärmstens empfohlen werden – ganz besonders aber den recht anspruchsvollen und schwer zu überzeugenden Augen und Ohren der Schülerinnen und Schüler.(https://kultrefgraz.wordpress.com/2016/02/14/goethes-faust-fuer-jugendliche-interessant-machen-challenge-accepted/)

 

 

 

Die außergewöhnliche und unterhaltsame Inszenierung des Ausnahmetalents Nikolaus Habjan begeistert bereits seit Februar 2016 Jugendliche und Erwachsene, Presse und Publikum gleichermaßen auf der Bühne im Next Liberty und sorgt auch international für große Aufmerksamkeit: Im Mai 2017 gastiert dieser „Faust“ am Stadttheater Fürth beim 20. Internationalen Figurentheater-Festival und ist in dieser Saison zu weiteren Gastspielen in Wien (Theater Akzent), Gütersloh (Theater Gütersloh) und in der Schweiz am Theater Chur eingeladen.(Achtzig, die Kulturzeitung, 22.05.2017)

 

Als Regisseur (Habjan) zeigte er in Deutschland-Premiere auch seine große „Faust“-Inszenierung mit dem Grazer Jugendtheater-Ensemble Next Liberty, das Klassik vom Einschüchterungs-Podest holen will. Er reserviert für Mephisto die Figurentheater-Welt (aber die hat er leider nicht selber gespielt, nur gecoacht), lässt Doktor Faust sein Gretchen leutselig aus dem Publikum holen und streut zügig Operettenzucker über die Handlung. Den Schauspielern, die ständig dem Reim der zweiten Zeile entgegenstreben, säuseln hammondorgelnde Sound-Stützen um die Ohren, wo Sprachregie nicht helfen konnte. Habjan, als Puppenspieler und -bauer eine unbestreitbare Größe, ist als Regisseur allenfalls „auf dem Weg“ zwischen den Stühlen.(Nachtkritik.de., 25.05.2017)

 

Habjans „Faust“, mit dem jungen, am Grazer Theater angesiedelten Ensemble „Next Liberty“ inszeniert, ist anders. Eine wilde, freche, immer wieder überraschende Mischung aus Schau- und Puppenspiel, die von schrillen Gegensätzen lebt. Da manifestiert sich das allzu Menschliche gerade in der Abstraktion des Figurentheaters. Da offenbart sich Faust (Klaus Huhle) ausgerechnet im entrümpelten und absolut reizlosen Studierzimmer als triebhaft und tatendurstig. Da schwingt sich der von Puppenspielerin Manuela Linshalm superb geführte Mephisto zum Dirigenten eines makabren Orchesters menschlicher Sehnsüchte und teuflischer Versprechen auf. Und da entpuppt sich ein über mangelndes Traditionsbewusstsein meckernder Theaterbesucher als Schauspieler Helmuth Pucher, der zwar nicht die Hose, wohl aber den Rock herunterlässt und als Nachbarin Marthe auftritt. 

Im Handumdrehen wandelt sich auch die Bühne (Jakob Brossmann) zum barock anmutenden Guckkastentheater, wo in bester Raver-Manier zu hämmernden Beats und giftgrünen Nebeln die Hexen zur Walpurgisnacht einreiten und ordentlich Party machen. Währenddessen lässt sich das brave, sehr blonde Gretchen (Alice Peterhans) in biedermeierlicher Idylle vom Faust verführen. Doch Hadjans Gretchen von 2018 ist nicht mehr verzopft genug, um sich am Ende einfach so als Kinds- und Muttermörderin von Gott oder Teufel richten zu lassen. Mit selbstbewusstem „Gerettet!“ entflieht die Frau dem Gefängnis und geht dahin zurück, woher sie gekommen ist: ins Publikum, in die Welt. „Yes!“ raunt es im Publikum. Es sind diese Brüche mit der Vorlage, die die Zeitlosigkeit von Goethes Meisterwerk unterstreichen.(Die Glocke, Gütersloh, 04.03.2018)

 

Spannungsdicht wurde dieses in jeder Hinsicht packend, eindringlich und erfrischend gespielte Meisterwerk zu einem Höhepunkt dieser Figurentheatertage. (Straubinger Tagblatt, Kristian Kuhnle, 26.03.2019)

Dem Prolog im Himmel mit einem tattergreisigen Herrgott, feist ausstaffierten Putten und dem sexy Satansweib…..Das Bühnenbild arbeitet mit Requisiten und Kulissen des althergebrachten Illusionstheaters mit Blitz und Knall… Fuck ju Göthe – so macht der Klassiker wieder Spaß!(Nürnberger Zeitung, Reinhard Kalb, 27.05.2017)

Alles, was nicht so recht aus Fleisch und Blut ist, sei es nun Gott, Hexe oder Irrlicht, wird bei Habjan zur Puppe…Ihr Einsatz führt nicht nur bloß zum Ursprung des Fauststoffes, der einst auf Jahrmärkten in Marionettenbühnen zum Besten gegeben wurde, sondern schenkt den Gestalten ein eigenes, geheimnisvolles Leben. Anders als die Schauspieler, sind die Figurenkeine Darsteller. Sie sind, was sie scheinen… das ist das Konzept, das hervorragend zu Habjans umfassender Theater-Idee passt. Für ihn ist alles Schauplatz. Er bespielt das Parkett wie die Bühne, auf die er eine zweite setzt….Der junge Mann aus Österreich bleibt dem Großmeister aus Weimar dabei stets verbunden. Nur einmal schert Habjan aus. Dann mit Nachhall. Sein Gretchen hat das letzte Wort. Keine mystische „Stimme von oben“ erteilt der Kindesmörderin den erlösenden Bescheid „ist gerettet“, sondern die junge Frau selbst spricht sich frei. Und geht ab. Ganz groß.(Fürther Nachrichten, Sabine Rempe, 27.05.2017)

Höhepunkt im mystischsten Element jeder Faustversion: die Walpurgisnacht auf dem Blocksberg, zu der Faust und Mephisto flüchten. Sie mutiert von historischer Szenerie voller Freudenfeuer und gruselig geführter Hexenmasken zur wilden Techno-Party. Im Kerker entscheidet sich Gretchen gegen ihr Baby. Und ergibt sich Gott. All dies auf einer raffinierten, mannigfaltigen Puppenbühne, die so manche moderne Theaterausstattung erblassen lässt.

Wenn eine Schülerin beim Publikumsgespräch lobt, ihren Faust durch diese Inszenierung erst durchdrungen zu haben, darf man von einem Glücksfall sprechen. (Westfahlenblatt, Uli Twelker, 01.03.2018)